Der folgende Text erschien zuerst in:
Der Einzige, Vierteljahresschrift des Max-Stirner-Archivs Leipzig, Nr, 4 (16), 3. November 2001, S. 11-14;
er wird, mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers, auf den LSR-Seiten zur Verfügung gestellt, weil er der Beginn einer Kontroverse ist. Die Replik darauf: Bernd A. Laska: "Tertiärverdrängung"


Christian Berners
Laskas Gespenster
oder
Warum sich Nietzsche so sehr beim EINZIGEN gelangweilt haben könnte!?

Liest man aufmerksam Laskas zweiten Teil seiner Betrachtungen (1), so verfolgt der Autor nicht nur die Absicht, letzte Zweifel an der Vermutung auszuräumen, dass Nietzsche Stirners »Einzigen« gekannt haben muss, sondern noch vielmehr, dass diese Lektüre zweifelsfrei einen so intensiven Eindruck bei Nietzsche hinterliess, in dessen Folge es zu einem panikartigen Entschluss zur Philologie und zu Schopenhauer kam. Primärverdrängung heisst so was dann im Fachjargon (2) (-- vielleicht sollte mir das zu denken geben, warum ein guter Freund von mir, nachdem er ein paar Seiten Stirner gelesen hat, sich jetzt ausführlich mit Jaspers beschäftigt?). Nun habe ich gegen solch spekulative Betrachtungen nichts einzuwenden, insofern sie bei mir nicht dem Verdacht unterliegen, dass hier mit verbissenem Ernst ein ideologischer Kampf ausgetragen wird, um die, wie der Autor dann auch weiter betont, „eigentlich anstehende (und von Stirner eingeforderte [!!!]) Auseinandersetzung mit den tieferen Problemen des Projekts der Moderne [!!!], des 'Ausgangs des Menschen aus seiner Unmündigkeit'". Aber wahrscheinlich wird mir der Autor selber auch eine Form von Verdrängung nachweisen können, warum ich seinem Projekt nicht nachfolgen will. Das heisst auch, ich habe wahrscheinlich bei Stirner etwas gelesen, was ich partout nicht anerkennen will. Wäre einmal sehr interessant zu erfahren, wie es denn bei mir mit meinen Abwehrmechanismen bzgl. Stirner steht.

Wie dem auch sein mag: wobei es mir im folgenden überhaupt nicht darum geht, ist hier einen Beweis zu führen über die Unsinnigkeit von Laskas Betrachtungen, denn diesbezüglich bleibt der Autor genauso eines stichhaltigen Beweises schuldig, wie ich einen solchen in den folgenden Ausführungen nicht darlegen werde / kann.

Es geht also um nichts anderes als um die für Laska vielleicht phantastisch anmutende Vorstellung, dass Nietzsche eines Tages Stirner gelesen haben könnte, ohne dass die Lektüre ihn so in Bann nahm, ja dass er sich beim »Einzigen« auch einfach nur unheimlich gelangweilt haben könnte (Oh welch Frevel, der Heilige Max und dann Gleichgültigkeit -- Besagter Freund meinte neulich zu mir, dass das Buch bei mir wie eine Bombe eingeschlagen wäre, läge wahrscheinlich nur daran, dass ich in meiner Kindheit zuviel Karl May gelesen hätte, der habe einen ähnlich pedantischen Schreibstil).

Ich muss manch unbedarften Leser an dieser Stelle insofern enttäuschen, dass hier kein

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Nietzscheaner oder dgl. spricht. Ich persönlich halte Stirner durchweg für inspirierender als Nietzsche, vor allem deshalb, weil ich bei ihm den "Geist" Hegels spüre, der bei Nietzsche vergeblich zu suchen ist. (Da haben wir es schon wieder: Gotteslästerung -- der grosse, originäre Stirner im Schatten dieser "staatsalimentierten Philosophie" -- weswegen Laska sich wahrscheinlich dann auch am Ende seiner Betrachtungen zum kierkegaardschen Entweder-Oder bekennt und nicht zum hegelschen Sowohl-Als auch).

Andererseits ist mir natürlich auch nicht entgangen, dass für manchen Stirner-Leser relativ schnell ein Bezug zu Nietzsche hergestellt wird, wie es mir kürzlich noch ein Arbeitskollege bestätigte, der mir auf meine Frage, wie er denn Stirners »Einzigen« empfunden habe, spontan äusserte, dass sei doch "Nietzsche vor Nietzsche". Komisch daran finde ich, dass mir selber, obwohl ich mit Nietzsche vertraut war, lange bevor ich Stirner zur Kenntnis nahm, mir dieser Vergleich nie in den Sinn kam. Da sprechen -- so empfinde ich auch bis heute -- doch zwei verschiedene Welten zueinander.

Es kann im folgenden natürlich nicht ansatzweise darum gehen, hier einen grossangelegten Vergleich zwischen Stirner und Nietzsche darzulegen. Diesen bedarf es auch nicht, da Laska ihn, wie immer er ausfallen würde, leicht als gegenstandslos betrachten könnte, weil seine Argumentation viel subtiler ist:

-- Konfrontation mit Stirner in jungen Jahren;
-- (Primär-)Verdrängung;
-- Konzeption einer neuen Philosophie ...

Entscheidend wird also die Situation Nietzsches bis 1874, jenes Jahres sein, in denen ein Lieblingsschüler Nietzsches den »Einzigen« aus der Basler Bibliothek entliehen hat, auf ausdrückliche Empfehlung seines Lehrers Nietzsche.

1865 machte Nietzsche Bekanntschaft mit dem Werke Schopenhauers. Also wenn Laska von einem panikartigen Entschluss zur Philologie und zu Schopenhauer spricht, dann müsste seiner Argumentation nach Nietzsche Stirners »Einzigen« zuvor gelesen haben. Spätestens so eine andere Vermutung auf die Empfehlung Langes hin, dessen Buch 1866 erschien. Das würde aber bedeuten, Nietzsche hätte Stirner nach seiner Bekanntschaft mit Schopenhauer gelesen. Insofern wäre die Aussage von panikartiger Flucht zu Schopenhauer etwas unglaubwürdig. Und was die Philologie betrifft, so sollte man nicht vergessen, dass er seine Schullaufbahn in Pforta 1864 mit einer Qualifikationsarbeit über Theognis von Megara abgeschlossen hat und, bevor er zu einem Studium nach Bonn aufbrach, in seinem Lebenslauf Platons Symposion als seine Lieblingsdichtung bezeichnete. Überhaupt waren seine Leistungen in klassischer Philologie aussergewöhnlich gut.

Aber wie gesagt, ich möchte hier nicht ins Detail gehen, dieses Feld überlasse ich lieber Laska, der in seiner angekündigten Nietzsche-Studie [2002: Nietzsches initiale Krise (Oktober 1865)] ja vielleicht noch manche Überraschung diesbezüglich hervorzaubern wird. Vielleicht wird man ihm dann auf dem nächsten Nietzschesymposium auch mehr Gehör schenken.

Mein Anliegen ist es, einen kurzen Blick auf eine für Nietzsches Frühwerk äusserst entscheidende Inspirationsquelle zu lenken, gemeint ist die Bekanntschaft mit dem Werk und später auch mit der Person Richard Wagners. Diese Beziehung war Gegenstand einer umfangreichen Hausarbeit im Rahmen eines Seminars zu Nietzsches Bildungskritik (»Die Krise der Moderne. Der Auftakt: Nietzsches Bildungskritik«) an der erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln, die ich 1995 zusammen mit einer Kommilitonin unter dem Titel »Krise der Moderne: Die Musik als ›Idee‹« verfasst habe. Wir drängten damals darauf, neben Nietzsches berühmter zweiter »Unzeitgemässer Betrachtung« (wie sie sich fast als Pflichtlektüre bei pädagogischen Seminaren über die Bildungskritik Nietzsches etabliert hat) auch einen verstärktes Augenmerk auf Nietzsches Verhältnis zu Wagner zu werfen, wie es Gegenstand seiner vierten »Unzeitgemässen Betrachtung« war: »Richard Wagner in Bayreuth« ist. (3)

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Ohne die Details an dieser Stelle zu überstrapazieren, lässt sich diesbezüglich festhalten, dass der junge Nietzsche bereits im Jahre 1861 die Bekanntschaft mit Wagners »Tristan« macht und sein Weihnachtswunsch nach einem Klavierauszug erfüllt wird. Nicht zuletzt fliessen, beeindruckt von Wagners »Tristan«, Elemente in Nietzsches eigene "Klavierphantastereien" ein. Auch Jahre nach dem Bruch mit Wagner gesteht Nietzsche: "Alles erwogen, hätte ich meine Jugend nicht ausgehalten, ohne Wagnerische Musik".

Der Wunsch nach einer Zugehörigkeit zum Wagner-Kreis erfüllt sich allerdings erst im November 1868, als er "das grösste lebende schöpferische Genie Deutschlands" in Leipzig trifft ("Die ›Meistersinger‹ waren das erste Gesprächsthema ... Das zweite war Schopenhauer. Von nun an nannte Nietzsche Wagners Namen mit dem Schopenhauers zusammen."). Ab Mai des folgenden Jahres erfolgten dann regelmässige Besuche an Wagners damaligen Wohnsitz in Triebchen bei Luzern, wo er mit seiner Lebensgefährtin und späteren Frau Cosima lebte. An diese wird sich Nietzsche auch noch Jahre später, als er längst mit Wagner gebrochen hatte, dankbar und sehnsüchtig erinnern, wie Lou Andreas-Salomé berichtet, als sie zehn Jahre später zusammen mit Nietzsche an den Ort am Seeufer zurückkehrte.

Was diese "Sternenfreundschaft", wie Nietzsche sein Verhältnis zu Wagner selbst beschreibt, vor allem auszeichnet, ist ihre beiderseitige Vorliebe für die Antike. So schreibt Nietzsche an seinen Freund Erwin Rohde: "Liebster Freund, ... was ich dort lerne und schaue, höre und verstehe, ist unbeschreiblich. Schopenhauer und Goethe, Aeschylus und Pindar leben noch, glaub es nur".

Wagner -- ein vorzüglicher Kenner der zeitgenössischen Altertumswissenschaft --, war es dann auch, der dem Jung-Philologen Nietzsche starke Anregungen zu geben vermochte für Nietzsches erste grösseren Schrift »Die Geburt der Tragödie« (1872), an der er ungefähr seit 1869 arbeitete, die ohne den Einfluss Wagners wohl kaum möglich gewesen wäre.

Gerade in dieser Gedankenwelt Nietzsches / Wagners sehe ich aber das Hauptargument, warum die Lektüre Stirners keinen so immensen Eindruck auf Nietzsche gemacht haben dürfte.

Auf den Punkt gebracht betrachtet Nietzsche -- darin seinem Freund Wagner und in gewissem Sinn auch ihrem gemeinsamen Vorbild Schopenhauer folgend -- Geschichte allgemein als eine sich vom Mythos losmachende Bewegung fortschreitenden Verfalls, ganz im Gegenteil etwa zu klassischen philosophischen Systemen eines Kant oder Hegel und sicherlich auch im Gegensatz zu den Ausführungen Stirners im ersten Teil seines »Einzigen«. Dieser mythischen Betrachtung liegt ein Regenerationsgedanke zugrunde, der von einem ursprünglich gesunden Naturzustand ausgeht, der im Laufe der Geschichte entartet ist und zu dem es zurückzukehren gilt, der sozusagen das Ewig-Natürliche und Rein-Menschliche verkörpert (der "wahre Mensch"). In Wagner feiert dieser Mythos seine Auferstehung, wie Nietzsche in seiner vierten »Unzeitgemässen Betrachtung« »Richard Wagner in Bayreuth« in Anlehnung an seine »Geburt der Tragödie« darlegen wird.

Wie sollte in dieser Gedankenwelt ein höchst profanes Werk, wie Stirners »Einziger«, geschrieben in hegelscher Pedanterie, besonderen Eindruck erwecken? Zumal sich deren Autor mit den Problemen sozialer Emanzipation beschäftigt, was bei dem Geistesaristokrat Nietzsche nur Ablehnung hervorgerufen haben dürfte. Durchaus kann er hier Anregungen empfunden haben, aber wie Mauthner bereits betont, ist von einem wesentlichen "Einfluss" von Stirner auf Nietzsche nicht auszugehen. (4) Dafür waren beide Denker zu einzig und ihre Welten hatten wenig gemeinsame Bezugspunkte.

Und ich glaube auch nicht, dass Nietzsche in Stirner irgendetwas erkannt hat, was er dann verdrängte. Hier ist bei Laska wohl eher der Wunsch Vater des Gedankens. Stirner als potentieller Heilbringer, dem die Welt nicht genügend Aufmerksamkeit schenkt. Er spricht ja auch unverhohlen von einem "Entweder-Oder".

[14]

Über diese Weltbeglückungversuche ist Stirner meines Erachtens selber bereits hinweggekommen. Gerade hierin liegt seine Stärke. Er zeigt keinen Ausweg an, denn er kennt die seelischen Schwächen der allzu Vielen nur zu gut. Gerade diese Erkenntnis ist es, mit der er den sozial-emanzipatorischen Ideen seiner Zeit kritisch gegenübertritt. Der Kampf ist verloren, bevor er begonnen hat. Jede Revolution wandelt sich in eine Reaktion. Die schmerzlichen Erfahrungen eines Alexander Herzens über die 1848er Jahre, wie er sie in seinen Memoiren verarbeitet, sind in Stirners Werk schon theoretisch vorweggenommen; (5) wieso es auch folgerichtig war, warum sich Stirner an den Ereignissen des Jahres 1848 aller Wahrscheinlichkeit nach nicht beteiligt hat.

Aber er blickt auch nicht aristokratisch geringschätzig auf die allzu Vielen, so wie es Nietzsche tat. "Stirner lacht in der Sackgasse, Nietzsche rennt gegen die Mauern an", wie Camus es einmal beschrieben hat. Aber zugleich verfällt Stirner dabei nicht in einen Konservatismus, wie es manch einem seiner "Kampfgefährten" widerfahren ist, die an der Dummheit der Menschheit zugrundegegangen sind.

Er folgt hier im wesentlichen Hegels "Philosophie der Versöhnung". (6) Nur das Stirner radikal nach den praktischen Konsequenzen der idealistischen Philosophie Hegels fragt und dessen Aufhebung der Subjekt-Objekt-Spaltung im "metaphysischen Himmel" des absoluten Wissens bei ihm konkrete Gestalt in Form eines Bewegungsprozesses annimmt, einer in sich geschlossenen Einzelheit (Eigenheit des Einzigen):

"Du bist selbst ein höheres Wesen, als Du bist, und übertriffst Dich selbst. Allein, dass Du der bist, der höher ist als Du, d. h. dass Du nicht bloss Geschöpf, sondern gleicherweise Dein Schöpfer bist, das eben verkennst Du als unfreiwilliger Egoist, und darum ist das 'höhere Wesen' Dir ein -- Fremdes." (7)

Doch was das hier angesprochene Verhältnis von Stirner und Hegel betrifft, kann nur ansatzweise etwas angedeutet werden, was in zukünftigen Beiträge vertieft werden sollte.

Festzuhalten bzgl. der hier behandelten Beziehung zwischen Stirner und Nietzsche bleibt die Erkenntnis, dass Stirner meiner Meinung nach eine weit weniger wichtige Rolle für Nietzsche spielte, als Laska sie vermutet. Aber vielleicht ist die hier dargelegte Sichtweise auch nur die Fieberphantasie eines mir eigenen Verdrängungsprozesses, über den mich Laska demnächst aufklären wird?


Anmerkungen:

(1) Bernd A. Laska: Den Bann Brechen: Max Stirner redivivus Wider Marx, Nietzsche et al. Betrachtungen anlässlich zweier Neuerscheinungen -- Teil 2, in: DER EINZIGE. Vierteljahresschrift des Max-Stirner-Archivs Leipzig, Nr. 4 (12), 3. November 2000, S. 17-23.

(2) Von der im weiteren bei Laska angeführten "kollektive(n) Sekundärverdrängung: durch die Nietzscheforschung aller Richtungen" will ich im folgenden erst gar nicht reden.

(3) Dazu sei noch erwähnt, dass uns Frau Professorin aufgrund formaler Mängel den entsprechenden Leistungsnachweis verweigern bzw. von einer entsprechenden Überarbeitung abhängig machen wollte. Als ich sie daraufhin ansprach, dass ich besagte formale Mängel nicht abstreiten würde, aber mir persönlich eine inhaltliche Einschätzung unserer Arbeit weit mehr am Herzen liegen würde, hat sie uns kommentarlos besagten Leistungsnachweis ausgehändigt, leider ohne je ein Wort über ihre inhaltliche Beurteilung unserer Arbeit zu verlieren. Ob auch sie wohl etwas verdrängt hat?

(4) Vgl. Fritz Mauthner: Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande. 4. Band. (Deutsche Verlags-Anstalt) Stuttgart und Berlin 1923. S. 345ff.

(5) siehe Alexander Herzen: Die gescheiterte Revolution. Denkwürdigkeiten aus dem 19. Jahrhundert. Ausgew. u. hrsg. von Hans Magnus Enzensberger. Mit einer Einleitung von Isaiah Berlin. Frankfurt a. M. 1988 -- Interessant ist hier auch der Hinweis Berlins in seiner Einleitung auf eine starke inhaltliche Verwandtschaft zwischen Herzen und dem, wie er schreibt, "Anarchisten Max Stirner".

(6) vgl. dazu Horst Stukes Einleitung zu seinem Buch »Philosophie der Tat. Studien zur Verwirklichung der Philosophie bei den Junghegelianern und den wahren Sozialisten«, Stuttgart 1963

(7) Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum, Stuttgart (Reclam) 1991, S. 39f.


Erwiderung von Bernd A. Laska


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